Einsatz für das Recht auf Elternschaft: 20 Jahre Begleitete Elternschaft bei MOBILE – Selbstbestimmtes Leben Behinderter e.V. in Dortmund
Begleitete Elternschaft, was bedeutet das eigentlich?
Neben der Freude über die Schwangerschaft gibt es bei den werdenden Eltern nicht selten Unsicherheiten, wie das Leben mit Kind sein wird und ob sie diesem gewachsen sind. Oft stoßen Menschen mit Lernschwierigkeiten in ihrem persönlichen, aber auch in ihrem professionellen Umfeld auf Skepsis und Widerstand, wenn sie berichten, dass sie sich ein Kind wünschen.
Menschen, die in einer Wohneinrichtung leben, können dort meist nicht bleiben, wenn sie ein Kind bekommen. Menschen, die mit Kind in einer eigenen Wohnung leben, aber intensivere Unterstützung benötigen, müssen manchmal die Wohnung aufgeben und in eine Eltern-Kind-Einrichtung ziehen, die unter Umständen sogar in einer anderen Stadt liegt.
MOBILE unterstützt Familien im Zusammenleben
MOBILE bietet ambulante Unterstützung und berät:
In Dortmund wird Begleitete Elternschaft als ambulantes Unterstützungsangebot im Rahmen der Hilfen zur Erziehung vom Jugendamt bewilligt und finanziert. Deswegen ist das für den jeweiligen Stadtteil zuständige Jugendamt die erste Anlaufstelle. Bei stationären Angeboten und bestehendem Eingliederungshilfebedarf kann auch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) zuständig sein.
Wer sich erst einmal über unser Angebot oder über Möglichkeiten der Unterstützung für Eltern mit Lernschwierigkeiten informieren möchte, kann sich gerne telefonisch bei uns melden, um einen Gesprächstermin zu vereinbaren.
Wie viele Familien in Dortmund nutzen die Begleitete Elternschaft bei MOBILE zurzeit?
Wir unterstützen aktuell 15 – 20 Familien, wobei nicht immer Lernschwierigkeiten bei den Eltern vorliegen: In manchen Familien entsteht der Unterstützungsbedarf auch aufgrund psychischer Belastungen oder Erkrankungen der Eltern oder aufgrund einer Behinderung des Kindes.
Das BE-Team hat zurzeit sieben Mitarbeitende. Alle arbeiten in Teilzeit, weil es nur so möglich ist, flexibel auf die Bedarfe der Familien zu reagieren und Termine mit den Familien insbesondere am Nachmittag zu machen, wenn die Kinder zu Hause sind.
Mit den meisten Familien treffen wir uns zweimal pro Woche. Es gibt, aber auch Familien, die wir bis zu fünfmal in der Woche sehen. Manche Elternteile bekommen zusätzlich Unterstützung durch das Ambulant Unterstützte Wohnen, Dabei stehen Bedarfe der Eltern selbst im Mittelpunkt.
Müsst Ihr vom Team der Begleiteten Elternschaft zu jeder Tages- und Nachtzeit raus?
Das ist eher die Ausnahme. In den meisten Fällen verabreden wir mit den Familien Termine von Montag bis Freitag zwischen 8 und 18 Uhr. Es kann auch mal früher sein, wenn wir zum Beispiel morgendliches Aufstehen und fertig machen für Schule oder Kita begleiten oder später, wenn die Situation beim Zubettgehen begleitet werden soll.
Wenn es notwendig ist, können wir auch eine Rund-um-die Uhr-Bereitschaft anbieten. Das ist aber selten der Fall. Beispielsweise dann, wenn Familien ihr erstes Kind bekommen und kein unterstützendes Netzwerk vorhanden ist.
Wie kam die Begleitete Elternschaft zu MOBILE?
Die Begleitete Elternschaft ist keine Erfindung von MOBILE, aber MOBILE gehörte damals zu den wenigen Trägern bundesweit, die sich bereits Ende der 1990er Jahre für das Recht auf Elternschaft von Menschen mit Lernschwierigkeiten eingesetzt und sich auf den Weg gemacht haben, ein Unterstützungsangebot für die Familien zu schaffen.
Ende der 90er Jahre erwartete ein Paar, das im Rahmen des Ambulant Unterstützten Wohnens von MOBILE e. V. begleitet wurde ein Kind. Weil es kein passendes Unterstützungsangebot gab und eine Fremdunterbringung drohte, haben die Lebenshilfe Dortmund und MOBILE e. V. gemeinsam ein Unterstützungssetting entwickelt. Weil auf allen Seiten die Erfahrung fehlte, stand das ganze System sehr unter Druck. Nach etwa einem halben Jahr hat die Familie entschieden, das Kind zu Verwandten in Pflege zu geben.
Für MOBILE e. V. war das der Anlass, sich intensiv inhaltlich mit der Thematik zu beschäftigen, sich über bereits vorhandene Angebote bundesweit zu informieren und letztendlich das eigene Unterstützungsangebot aufzubauen.
Wie hat sich das Angebot seit den Anfangszeiten verändert?
Wir unterstützen mehr Familien als in den ersten Jahren. Das hat sicherlich damit zu tun, dass es selbstverständlicher geworden ist, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten Kinder bekommen und die Chance erhalten, mit ihnen zusammenzuleben. Darüber hinaus sind wir aber inzwischen in Dortmund auch der einzige Anbieter, der sich darauf spezialisiert hat, diese Familien zu unterstützen.
Im Lauf der Zeit hat sich auch die Arbeit mit den Familien verändert. Früher haben wir die Familien häufig intensiver und über längere Zeit begleitet. Hier scheint bei den Eltern der Wunsch nach Autonomie und es möglichst ohne Hilfe zu schaffen, stärker zu werden.
MOBILE ist alleiniger Anbietender in Dortmund, warum ist das so und wie schwierig ist es perspektivisch, das Angebot aufrecht zu erhalten?
Ambulante Hilfen sind schwierig zu finanzieren. Häufig sind sie für Träger unwirtschaftlich.
Auch für MOBILE e. V. ist die Refinanzierung immer wieder schwierig, aber Elternschaft ist ein Menschenrecht. Es ist uns ein Anliegen, Eltern mit Lernschwierigkeiten und ihren Kindern die Möglichkeit des Zusammenlebens zu geben.
Bundesweit sind in den letzten 20 Jahren die Angebote Begleiteter Elternschaft stark ausgebaut worden. Trotzdem gibt es deutliche regionale Unterschiede und weniger Angebote in ländlichen Räumen als in Städten.
In Dortmund gibt es z. B. unser ambulantes Angebot und auch Vater-/Mutter-Kind-Einrichtungen, die Eltern mit Lernschwierigkeiten mit ihrem höheren oder einfach andern Unterstützungsbedarf aufnehmen.
Wohnangebote, in denen Familien mit intensiverem Unterstützungsbedarf und älteren Kindern längerfristig leben können, gibt es hier nicht.
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